Wenn wir an das Erben und Vererben denken, haben wir meist klassische Dinge vor Augen: das Haus, das Sparguthaben, Omas Schmuck oder den dicken Ordner mit den Versicherungsunterlagen. Doch in unserer modernen, vernetzten Welt hinterlassen wir noch eine ganz andere Spur, wenn wir gehen: unseren digitalen Nachlass.
Egal ob Profile bei Facebook und Instagram, das E-Mail-Postfach, Streaming-Abos bei Netflix, Online-Banking oder Konten bei PayPal und Amazon – fast jeder Mensch besitzt heute dutzende Accounts im Internet. Was viele nicht wissen: Dieses digitale Erbe verschwindet nach dem Tod nicht einfach automatisch. Es läuft im Hintergrund weiter, verursacht unter Umständen Kosten und stellt Angehörige vor riesige Rätsel, wenn keine Passwörter vorhanden sind.
In diesem Ratgeber erklären wir Ihnen verständlich, was zum digitalen Nachlass gehört, wie die rechtliche Lage aussieht und wie Sie mit einfachen Schritten rechtzeitig Vorsorge treffen können.
Was genau gehört zum digitalen Nachlass?
Zum digitalen Nachlass zählt alles, was Sie auf Computern, Smartphones oder im Internet an Daten und Konten hinterlassen. Man unterteilt das Online-Erbe meist in drei Bereiche:
- Lokale Daten: Fotos, Dokumente und Videos, die direkt auf Ihrem Laptop, der Festplatte oder dem Smartphone gespeichert sind.
- Social-Media-Profile: Accounts bei Facebook, Instagram, LinkedIn oder TikTok.
- Finanzen und Verträge: Online-Banking, Krypto-Wallets, PayPal, eBay sowie kostenpflichtige Abonnements (Cloud-Speicher, Streaming-Dienste, Zeitungen).
Die rechtliche Lage: Verträge gehen auf die Erben über
Der Bundesgerichtshof (BGH) hat in einem Grundsatzurteil entschieden: Der digitale Nachlass wird rechtlich genauso behandelt wie der analoge Nachlass. Das bedeutet, dass alle Rechte und Pflichten aus Online-Verträgen auf die gesetzlichen Erben übergehen.
Die Konsequenz in der Praxis: Wenn Sie ein kostenpflichtiges Abo nicht rechtzeitig absichern, müssen Ihre Erben die Beiträge so lange weiterzahlen, bis sie vom Vertrag erfahren und diesen kündigen können. Da Rechnungen heute meist papierlos per Mail kommen, merken Angehörige oft erst durch Abbuchungen auf dem Bankkonto, dass dort noch Verträge laufen.
Das Problem mit den Passwörtern und dem Datenschutz
Ohne Ihre Zugangsdaten haben es Angehörige extrem schwer. Aus Gründen des Datenschutzes weigern sich viele Anbieter (insbesondere US-Konzerne wie Google oder Apple), den Hinterbliebenen einfach so Zugriff auf das Postfach oder den Cloud-Speicher zu gewähren – selbst wenn eine Sterbeurkunde vorliegt. Oft sind dafür monatelange Verhandlungen oder sogar teure Gerichtsbeschlüsse nötig.
Haben Sie Ihre Smartphones oder Laptops zudem mit PINs oder biometrischen Daten (Fingerabdruck/Face-ID) gesichert, kommen die Erben oft gar nicht erst an wichtige private Dokumente oder Urlaubsfotos heran.
Schritt für Schritt: So treffen Sie die richtige Vorsorge
Die Vorsorge für den digitalen Nachlass ist gar nicht kompliziert. Wenn Sie sich einen Nachmittag Zeit nehmen, können Sie das Thema für immer sicher regeln:
1. Erstellen Sie eine Account-Liste
Schreiben Sie alle Ihre Online-Konten auf. Wichtig: Schreiben Sie aus Sicherheitsgründen niemals die echten Passwörter auf einen Zettel, der offen herumliegt! Nutzen Sie stattdessen einen digitalen Passwort-Manager (wie Bitwarden, 1Password oder Dashlane). Hier müssen Sie sich nur ein einziges Master-Passwort merken.
2. Bestimmen Sie eine Vertrauensperson
Legen Sie fest, wer sich nach Ihrem Tod um Ihre digitalen Angelegenheiten kümmern soll. Schreiben Sie eine Vollmacht für den digitalen Nachlass. Darin sollte klipp und klar stehen: „Mein/e Bevollmächtigte/r ist berechtigt, nach meinem Tod meine digitalen Konten zu verwalten, zu löschen oder einzusehen.“ Diese Vollmacht muss handschriftlich unterschrieben und über den Tod hinaus gültig sein.
3. Hinterlegen Sie den Zugang zum Master-Passwort
Sorgen Sie dafür, dass die Vertrauensperson im Ernstfall an das Master-Passwort Ihres Passwort-Managers oder an den PIN Ihres Smartphones kommt. Sie können diesen „Generalschlüssel“ zum Beispiel in einem versiegelten Umschlag bei Ihrem Testament hinterlegen oder im Rahmen einer Bestattungsvorsorge sicher beim Bestatter deponieren.
4. Nutzen Sie die Vorsorge-Tools der Anbieter
Viele große Plattformen bieten mittlerweile eigene Funktionen für den Ernstfall an:
- Google: Beim Inaktivität-Manager können Sie einstellen, dass Ihre Daten nach X Monaten Inaktivität gelöscht oder an eine Vertrauensperson freigegeben werden.
- Facebook: Hier können Sie einen Nachlasskontakt benennen. Dieser kann Ihr Profil nach dem Tod in einen feierlichen Gedenkzustand versetzen oder die Löschung beantragen.
Die Vorsorge-Checkliste im Überblick
| Schritt | Was ist zu tun? | Ziel |
| 1. Übersicht | Account-Liste führen (ohne Passwörter) | Überblick für die Erben schaffen |
| 2. Passwörter | Passwort-Manager nutzen | Alle Zugänge an einem sicheren Ort bündeln |
| 3. Rechtliches | Vollmacht über den Tod hinaus schreiben | Erben handlungsfähig machen |
| 4. Hinterlegung | Master-Key beim Testament oder Bestatter ablegen | Sicherer Zugriff im Ernstfall |
Fazit: Ordnung im Netz schafft Frieden für die Liebsten
Wer seinen digitalen Nachlass regelt, betreibt aktive Schadensbegrenzung für seine Familie. Sie verhindern damit, dass im Hintergrund unnötig Geld vom Konto abgebucht wird, und stellen sicher, dass wertvolle Erinnerungen wie Familienfotos in der Cloud nicht für immer verloren gehen.
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